Zu jeder Ausstellung lädt die Konschthal zu einem vielseitigen Takeover Thursday ein. Diese Veranstaltungen bieten die Gelegenheit, die Ausstellungen aus der Perspektive unserer Gäste neu zu entdecken. Jeder Abend ist einzigartig: Er wird von Akteurinnen und Akteuren aus unterschiedlichen Bereichen gestaltet und widmet sich wechselnden Themen, die mit den jeweiligen Ausstellungen in Verbindung stehen. Mit Konzerten, Lesungen, Begegnungen, Performances, Workshops und vielem mehr erfindet sich die Konschthal immer wieder neu.
Im Rahmen der Ausstellung Ruin Echoes lädt die Konschthal Anastasiia Zhuravel ein, einen Abend zu gestalten, der sich mit den zentralen Themen der Ausstellung auseinandersetzt.
Reading Remains
Ruinen sind niemals nur Überreste dessen, was zerstört wurde. Sie sind umkämpfte Orte, an denen Erinnerung, Gewalt, materielle Spuren und mögliche Zukünfte aufeinandertreffen. Was bleibt nach der Zerstörung bestehen, und wer hat die Macht zu bestimmen, woran erinnert wird, was ausgelöscht oder wiederaufgebaut wird? Diese Ausgabe des Takeover Thursday, kuratiert von Anastasiia Zhuravel und moderiert von Marija Marić, findet im Rahmen der Ausstellung Ruin Echoes in der Konschthal in Zusammenarbeit mit dem LUCA – Luxembourg Center for Architecture statt. Sie betrachtet Ruinen nicht als passive Überreste der Vergangenheit, sondern als aktive Orte der Untersuchung, des Widerstands und der Transformation.
In ihrem Vortrag Surviving Fragments untersucht Dr. Samaneh Moafi von Forensic Architecture, wie Fragmente physischer und digitaler Umgebungen zu Beweisen von Gewalt und zu Instrumenten gegen das Auslöschen von Spuren werden können. Parallel dazu erforscht die Installation Circularity on the Edge, wie die materiellen Überreste zerstörter Gebäude in der Ukraine mithilfe KI-gestützter Kartierung und zirkulärer Wiederaufbaupraktiken als Ressourcen für einen gemeinschaftlichen Wiederaufbau neu interpretiert werden können. Zwischen forensischer Untersuchung und Wiederverwendung von Materialien stellt das Programm die Frage, wie wir Ruinen anders lesen können: nicht nur als Zeugnisse dessen, was verloren gegangen ist, sondern auch als Orte, an denen Fragen nach Verantwortung, kollektiver Handlungsfähigkeit und der politischen Dimension des Wiederaufbaus verhandelt werden. Letztlich lädt der Abend dazu ein, darüber nachzudenken, ob Wiederaufbau bedeutet, das Vergangene wiederherzustellen, oder ob er die Möglichkeit eröffnet, grundlegend neue Formen des Zusammenlebens und der Gestaltung unserer Umwelt nach der Zerstörung zu entwickeln.
Kuratorin: Anastasiia Zhuravel
Moderatorin: Marija Marić
Vermittlerin: Dr. Samaneh Moafi
Installation: Circularity on the Edge
In Zusammenarbeit mit: LUCA
Abendprogramm
19:00 - 20:30 Uhr: Surviving Fragments
Ausgehend von aktuellen Untersuchungen von Forensic Architecture zum Massaker an humanitären Helferinnen und Helfern in Tel al-Sultan sowie zu den Luftangriffen auf eine Schule in Minab betrachtet dieser Vortrag Ruinen sowohl im physischen als auch im digitalen Raum: Gebäude, die in Schutt und Asche gelegt wurden, Erdbewegungen zur Verschleierung von Gewaltspuren und Orte, die infolge von Internetsperren aus dem digitalen Raum verschwinden.
Von aufgeschütteten Erdwällen bis hin zu archivierten Bildern und Webseiten untersucht der Vortrag die verbliebenen Fragmente, anhand derer sich Orte rekonstruieren, ihre Zerstörung untersuchen und Versuche ihrer Auslöschung hinterfragen lassen.
18:00 -23:00 Uhr: On display: Installation Circularity on the Edge
20:30 - 21:00 Uhr: Präsentation von Circularity on the Edge
Circularity on the Edge ist eine Installation, die der Frage nachgeht, welche Ressourcen ein zerstörtes Gebäude noch bieten kann. Sie verbindet ein KI-basiertes Segmentierungsmodell, das im Rahmen einer 2023 durchgeführten Forschungsarbeit anhand von Drohnenaufnahmen durch die russische Invasion beschädigter Gebäude in Butscha trainiert wurde, mit materiellen Fragmenten, die aus einem dieser Häuser in Hostomel in der Region Kyjiw geborgen wurden. Gemeinsam bilden diese Elemente einen funktionsfähigen Prototyp für ein zirkuläres Bewertungssystem, das zivilgesellschaftliche Organisationen und lokale Gemeinschaften bereits lange vor dem Eintreffen großer industrieller Akteure einsetzen könnten. Das Modell analysiert verstreute Trümmer auf städtischer Ebene und ordnet jede erkannte Oberfläche einer Materialkategorie zu: Holz, Ziegel, Metallbleche und tragende Metallelemente, Dachschiefer sowie Beton. Dadurch lässt sich feststellen, welche Materialien für den Wiederaufbau in den Materialkreislauf zurückgeführt werden können und welche gefährlich sind oder angrenzende Materialien kontaminieren können. Dies betrifft insbesondere asbesthaltige Dachplatten aus der Sowjetzeit. Das Projekt zeigt einen Ausschnitt der vollständigen Installation, die auf der Architekturbiennale von Venedig 2025 präsentiert wurde.
Kostenfrei | Keine Einschreibung erforderlich.
Zusätzliche Information
- Allgemein Für alle
Kuratorin Anastasiia Zhuravel
Anastasiia Zhuravel ist Forscherin im Bereich Stadt- und Raumforschung. Sie verfügt über einen Master of Science in Urban Management der Technischen Universität Berlin und absolvierte das Programm Leadership for Sustainable Reconstruction of Ukraine an der Harvard T.H. Chan School of Public Health. Ihre Forschung konzentriert sich auf kritische Stadtforschung, insbesondere auf kollektives zivilgesellschaftliches Handeln, urbane Governance und nachhaltige urbane Systeme. Neben ihrer akademischen Tätigkeit arbeitet sie als beratende Forscherin zum Wiederaufbau der Ukraine und beteiligt sich an Projekten, die eine nachhaltige und resiliente Stadtentwicklung fördern. Anastasiia ist Mitbegründerin der gemeinnützigen Organisation LASKA in Kyjiw, Ukraine, sowie Gründerin und Kuratorin des International Design Lab re:imagining your city mit Sitz in Berlin.
Darüber hinaus war sie als Forscherin am RIFS – Research Institute for Sustainability in Potsdam tätig.
Moderatorin Marija Marić
Marija Marić ist eine in Luxemburg lebende Architektin, Autorin und Forscherin. Ihre Arbeit bewegt sich an der Schnittstelle von Architektur und Stadtforschung und untersucht kritisch die Beziehungen zwischen Eigentum, Finanzwirtschaft und gebauter Umwelt. Sie promovierte am Institut für Geschichte und Theorie der Architektur (gta) der ETH Zürich. In ihrer Dissertation analysierte sie die Rolle der Immobilienwirtschaft und medialer Infrastrukturen bei der Kommerzialisierung von Wohnraum, Grund und Boden sowie Städten. Sie forschte und lehrte an der ETH Zürich, der Technischen Universität München und der Universität Luxemburg. Marija war unter anderem Mitkuratorin der Ausstellungen Down to Earth, die 2023 im luxemburgischen Pavillon der Architekturbiennale in Venedig präsentiert wurde, sowie The Great Repair, die ebenfalls 2023 an der Akademie der Künste in Berlin stattfand.
Sie ist Mitautorin von Staging the Moon: Resource Extraction Beyond Earth und war Gastredakteurin mehrerer Publikationen, darunter Off-Earth für e-flux Architecture sowie The Great Repair: Politics for a Society of Repair für ARCH+ 250/253. Ihre Arbeiten wurden international präsentiert und veröffentlicht. Derzeit arbeitet sie an ihrem Publikationsprojekt Real Estate Poetry, das Sprache als Instrument nutzt, um die verborgenen Formen von Gewalt sichtbar zu machen, die Eigentumsverhältnisse auf Körper, Gemeinschaften und Umwelt ausüben.
Vermittlerin Dr. Samaneh Moafi
Dr. Samaneh Moafi ist stellvertretende Forschungsdirektorin bei Forensic Architecture (FA). Seit ihrem Eintritt in das Team im Jahr 2016 hat sie die Entwicklung spezifischer Forschungsmethoden und thematischer Schwerpunkte geleitet und an mehr als zwei Dutzend Untersuchungen mitgewirkt, darunter Situated Testimonies of Grenfell. 2018 promovierte sie an der Architectural Association (AA) mit einer Dissertation mit dem Titel Home Rebellion, die sich mit der zeitgenössischen Geschichte staatlich initiierter Massenwohnungsbauprojekte im Iran und der Architektur gemeinschaftlicher Widerstandspraktiken beschäftigt. Sie ist Mitglied des Kuratoriums von The Mosaic Rooms und Geddes Visiting Fellow an der Edinburgh School of Architecture.
Forensic Architecture
Forensic Architecture ist eine Forschungsagentur mit Sitz am Goldsmiths, University of London. Ihre Aufgabe besteht darin, neue Techniken, Methoden und Konzepte zur Untersuchung staatlicher und unternehmerischer Gewalt zu entwickeln, anzuwenden und zu verbreiten. Das interdisziplinäre Team setzt sich aus Architektinnen und Architekten, Softwareentwicklerinnen und -entwicklern, Filmschaffenden, investigativen Journalistinnen und Journalisten, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sowie Juristinnen und Juristen zusammen. Seit 2020 unterstützt Forensic Architecture weltweit den Aufbau von Organisationen, die ihre Methoden anwenden und weiterentwickeln.
Die Investigative Commons sind sowohl ein internationales Netzwerk von Fachleuten als auch ein physischer Ort in Berlin.
Biografien des Projektteams
Kateryna Lopatiuk (Autorin und Kuratorin des Projekts) ist Architektin und Forscherin mit Schwerpunkt auf interdisziplinären Ansätzen in den Bereichen Stadtplanung, Architektur und Technologie. Sie ist Autorin und Kuratorin der Installation Circularity on the Edge, die 2025 in der Hauptausstellung der Architekturbiennale von Venedig unter dem Titel Intelligens. Natural. Artificial. Collective. präsentiert wurde. Von 2021 bis 2022 war sie Fulbright-Stipendiatin am Massachusetts Institute of Technology (MIT) unter der Betreuung von Professor Brent D. Ryan. 2024 erhielt sie ein MIT-GMAF-Stipendium. Im selben Jahr leitete sie gemeinsam mit Professorin Elizabeth Wood einen Kurs zu Urbanismus, Geschichte und Aktivismus und war Mitkuratorin der Ausstellung Roots of Resilience. Kateryna arbeitete mit verschiedenen ukrainischen gemeinnützigen Organisationen zusammen, darunter Ro3kvit, Restart und Rethink. Dabei beschäftigte sie sich mit GIS-basierten Wiederaufbaustrategien und Konzepten der Kreislaufwirtschaft. 2026 unterrichtet sie im Rahmen des Urban Data Course an der Kyiv School of Economics (KSE). Als Spotlight LINA Fellow 2025 entwickelt sie Forschungsprojekte zu kriegsbedingten Schäden und zum Recycling von Trümmermaterialien.
Yana Buchatska (Bühnen- und Raumgestalterin – SETS Studio) ist eine ukrainische Architektin, Forscherin und Szenografin. Derzeit arbeitet sie als Senior Spatial Designer bei Random Studio in Amsterdam. Als Fulbright-Stipendiatin am Self-Assembly Lab des MIT forschte sie an der Entwicklung und Erprobung flexibler Montagesysteme für den Einsatz in Katastrophengebieten. Im Rahmen des Projekts Circularity on the Edge nahm sie an der Architekturbiennale von Venedig 2025 teil. Mit Projekten, die von urbanen Strategien und öffentlichen Räumen bis hin zu Ausstellungen, Szenografie und Materialwissenschaft reichen, erforscht Yana neue Formen menschlicher Interaktion und die Entstehung neuer Identitäten. Sie sammelte Erfahrungen in verschiedenen Studios in Kyjiw und Rotterdam und realisierte Projekte in Europa und den Vereinigten Staaten.
Nastia Lopatiuk (Installationskünstlerin und Gestalterin – Metåfora) ist eine ukrainische Künstlerin und Designerin mit Sitz in Kyjiw. Sie ist Gründerin von Metåfora, einem Kunstprojekt, das sich dem kreativen Upcycling widmet. Sie arbeitet mit wiedergewonnenen, ausrangierten und übrig gebliebenen Materialien und untersucht deren Eigenschaften sowie ihr Potenzial zur Transformation. Ihre künstlerische Praxis verbindet traditionelle Handwerkstechniken, Materialexperimente und zeitgenössische Technologien, um künstlerische und funktionale Objekte zu schaffen. Mit ihrer Arbeit möchte sie den häufig übersehenen Wert von Materialien sichtbar machen und zugleich die menschlichen Geschichten und Erinnerungen reflektieren, die mit ihnen verbunden sind.
Zum vollständigen Projektteam gehören außerdem:
- Herman Mitish – Entwickler und Mitautor des Projekts (OPT Industries)
- Orest Yaremchuk – Grafikdesign
- Dmytro Tentiuk – Visuelle Projektionen (Photinus Studio)
- Andrii Hazin – Sounddesign (OCP)
- Romakh Sakh, Kostiantyn Kuchabskyi und Olena Vakhnina – Architektur (Ostriv Platform)
Weitere frühere Mitwirkende:
Oleksandr Sirous, Pavlo Sirko, Roman Puchko, Ivanna Lipych, Oleksandra Dyvnych, Svitlana Usychenko und die NGO ReThink.












